Geschichte

1987- 1990: Die Umweltbibliothek in der DDR

Die Umweltbibliothek Großhennersdorf ist eine relativ junge Bibliothek. Sie ist 1987 als zweite Bibliothek dieses Typs nach der Berliner Umweltbibliothek aus oppositionellen Zusammenhängen heraus gegründet worden. Umweltbibliotheken, von denen es 1990 ca. 30 gab, setzten sich mit ihrer Gründung das Ziel, gesellschaftlich notwendige Reformdebatten u.a. zu augenscheinlichen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsfragen zu initiieren. Sie stellten sich der Aufgabe, Literatur, die zensiert, verboten, schwer zugänglich oder im politischen Untergrund entstanden war, öffentlich zugänglich zu machen. Somit waren sie auf der einen Seite Dienstleister und auf der anderen Seite Katalysatoren für anstehende Reformen und notwendige Veränderungen.

So war auch die Umweltbibliothek Großhennersdorf Mitbegründer und Katalysator von DDR-weiten und regionalen Netzwerken. Diese Netzwerke entwickelten sich zu angstfreien und belastbaren konspirativen Kommunikationswegen, die insbesondere für die ersten zwei Phasen der Friedlichen Revolution sehr bedeutsam waren. Vom Aufbruch ’89 in der Oberlausitz bis zur deutschen Wiedervereinigung hatte die Umweltbibliothek Groß­hennersdorf eine arbeitsintensive Beziehung zu den aktiven Bürgerbewegungen insbesondere dem Neuen Forum.


1990- 1994: Die Umweltbibliothek nach den ersten Jahren der Wiedervereinigung

Da die Mitarbeiter der Umweltbibliothek sowohl die Folgerichtigkeit, als auch die Notwendigkeit einer Weiterarbeit auch unter neuen freien und demokratischen Verhältnissen erkannten, gründeten sie 1990 die Umweltbibliothek als eingetragenen Verein. Im Rahmen dessen wurde der bisherige Bestand der Bibliothek als Erb- und Zeugenschaft des Aufbruchs 1989 insbesondere in der Oberlausitz zum Archiv erklärt.

Die neuen Aufgabenstellungen ergaben sich zunächst aus dem intensiven Transformationsprozess eines zusammenwachsenden Deutschlands. Im Zusammenhang mit einer sozialpädagogisch orientierten Professionalisierung, insbesondere aus einer politisch und kulturell verstandenen außerschulischen Bildungsarbeit, wuchsen die neuen Bestände der Bibliothek zunehmend auch im Aufgabenkontext der Kinder- und Jugendarbeit bzw. der Erwachsenenbildung. So wie, anders ausgedrückt, aus der intensiven Beschäftigung mit den Beständen ein Methodenspektrum der praktischen Bildungsarbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen erwuchs, wurden parallel auch zahlreiche Projektideen zur Förderreife gebracht, über die Produkte für die bessere Vermittlung der Inhalte entstanden.


1994-2016: Die Umweltbibliothek als Spezialbibliothek

Insbesondere zwei gesetzliche Regelungen führten zu einer kontinuierlichen Förderung in der Höhe einer Grundsicherung:

1) die Gründung des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien in Folge des Sächsischen Kulturraumgesetzes aus dem Jahre 1994, durch das die Kulturförderung zur kommunalen Pflichtaufgabe erklärt wurde.

In der ersten Arbeitsphase des neu gegründeten Kulturraumes war die Umweltbilbiothek Teil eines Kernnetzwerkes aus 10 Bibliotheken. Sie hatte die Aufgabe ein über den Auftrag öffentlich-kommunaler Bibliotheken hinausgehendes Medienangebot zu schaffen, das besondere Spezifika und die Lage der Region im Auge hat.

In der nächsten Entwicklungsphase der vom Kulturraum finanzierten Bibliothekslandschaft in der Oberlausitz hat die Umweltbibliothek im Zuge der sich aus den Leitlinien ergebenden quantitativen Strukturreform eine ebenso im Auftrag stehende qualitative Strukturreform absolviert. In diesem Prozess wurde unsere Bibliothek eine Spezialbibliothek mit im Wesentlichen zwei Arbeitsschwerpunkten, dem Kompetenzzentrum Osteuropa und dem Geistig-Kulturellen Wissensspeicher. Als eine solche Spezialbibliothek mit ihrer Kulturellen Bildungsarbeit wird die Umweltbibliothek nach der letzten Leitliniendebatte im Jahre 2012 institutionell gefördert.

2) Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Errichtung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Sächsisches Gedenkstättenstiftungsgesetz – SächsGedenkStG) am 22.04.2002 erhielt der Verein Umweltbibliothek Großhennersdorf die Möglichkeit und den Auftrag, eines von drei überregionalen Archiven der Bürgerbewegung im Freistaat Sachsen zu führen. Dieser Arbeitsschwerpunkt der Umweltbibliothek beschäftigt sich im Wesentlichen mit der Geschichte und dem Aufbruch ’89 in der DDR und in der Oberlausitz. Der Kontext, in dem die Umweltbibliothek ihre politische Bildungsarbeit in diesem Arbeitsschwerpunkt ansiedelt, reicht von der SED- Diktatur bis zum Sowjetischen Imperium und schließt darüber hinaus notwendige Aufarbeitungen der nationalsozialistischen Diktatur nicht aus.


Ab 2017: Die Einrichtung Kultureller Bildung in der Oberlausitz (EKOL)

Ab dem Jahr 2017 hat der Verein Umweltbibliothek Großhennersdorf e. V. folgende drei Arbeitsbereiche, die strukturell getrennt sind, allerdings auch inhaltliche Schnittmengen aufweisen:

  • das Archiv Bürgerbewegung,
  • das Kompetenzzentrum Osteuropa und
  • der Geistig-Kulturelle Wissensspeicher

Aufbauend auf annähernd 30 Jahre Erfahrung in der Kulturellen Bildung, ist es gerechtfertigt, die Umweltbibliothek Großhennersdorf als Einrichtung Kultureller Bildung zu bezeichnen. Die Umweltbibliothek weist mit ihren bisherigen Arbeitsbereichen schon immer Elemente Kultureller Bildung, sowohl vom inhaltlichen als auch vom Vermittlungsansatz, auf. Die Kompetenzen dafür leiten sich aus den sozialpädagogischen Arbeitsansätzen der außerschulischen Bildungsarbeit ab, aber auch aus den jüngeren Arbeitsansätzen, die sich aus dem Prinzip „Lebenslanges Lernen“ ableiten lassen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Selbstzuschreibung, sondern auch um die Wahrnehmung der Einrichtung von Außen und die Erwartungen, die die Nutzer an die Arbeit haben.

Es ist schon der Projektauflistung zu entnehmen, dass es bisher zu keiner Zeit eine statische Auffassung der Kulturellen Bildung im Rahmen der Arbeit gab, sondern sie Teil eines Entwicklungsprozesses war, dessen Prämissen regionale und überregionale Herausforderungen darstellten. Dieser Prozess und der damit verbundene Arbeitsstand Kultureller Bildung der Umweltbibliothek rechtfertigt nun nicht mehr nur eine gesteigerte Zubilligung Kultureller Bildungsarbeit, sondern die Einführung einer neuen Begrifflichkeit für diese Arbeit in unserem Verein. So möchten wir für uns und den Kulturraum den Begriff EKOL einführen. Mit der Kulturellen Bildungsarbeit der Projekte der nächsten Jahre, soll sich der Begriff EKOL als Synonym für die Kulturelle Bildungsarbeit der Umweltbibliothek etablieren.

Die Umweltbibliothek sieht es als notwendig an, sich den sehr schnell und unübersichtlich entwickelnden Herausforderungen, sowohl durch die digitale Revolution, als auch der mittlerweile „Vierten Industriellen Revolution“ (Industrie 4.0) anzunähern. Die Moderation der dadurch entstehenden Befunde und die Verknüpfung dieser mit dem Prozess des tiefgreifenden Strukturwandels der Oberlausitz ist folgerichtig. Kulturelle Bildung hat in diesem Prozessen besondere Aufgaben und Möglichkeiten.

Tiefgreifende Veränderungen der Kulturlandschaft, dürfen nicht nur mit dem regionalen Strukturwandel, sondern müssen was Ursachen und Perspektiven angeht, vielmehr mit den kulturellen Entwicklungen der oben genannten Großentwicklungen in Verbindung gebracht werden. Das Motto Zukunft braucht Herkunft wirft in der Praxis für die Umweltbibliothek folgende Fragen auf:

  • Was ist möglichst zu bewahren?
  • Was muss zur Disposition gestellt werden und warum?
  • Welche Auswirkungen wird dies für welche Bevölkerungsgruppen haben?
  • Welche Steuerungsmechanismen müssen aufgebaut werden, um die Transformationsprozesse zu verzahnen und gestaltend zu begleiten?
  • Welche Rolle wird von einer Kulturellen Bildung erwartet, die die Kulturgeschichte unserer Region kontextuell durchdrungen hat?

Seit Jahren reagiert die Umweltbibliothek darauf, dass Handlungsansätze Kultureller Bildung eine stärkere Bedeutung gewinnen, auch indem sie inhaltlich Erweiterung erfahren. Explizit auf diesen Erfahrungen beruht der Aufbau der jüngeren Arbeitsbereiche Kompetenzzentrum Osteuropa und Geistig-Kultureller Wissensspeicher. An den Stellen, wo die Vereinsarbeit allein nicht weiter kam, wurden regionale Kooperationen geschlossen.

Die wichtigste Neugründung aus unserer Sicht ist eine Initiative, aus der sich die Akademie Herrnhut (AH) für politische und kulturelle Bildung e. V. herausgegründet hat. Hier wurde versucht, mit anderen Partnern der Umweltbibliothek, wie unserer regionalen Universität (TU Dresden/IHI Zittau) und dem Archiv der Brüderunität Herrnhut, aber auch mit den kulturpolitisch Verantwortlichen der Region eine Institution zu schaffen, die politische und kulturelle Bildung auf dem derzeit besten Niveau der Region anstrebt.

In dem sich die Umweltbibliothek Großhennersdorf zur EKOL entwickelt hat, gilt es im Rahmen der Kulturellen Bildungsarbeit, die Perspektiven der Region und seiner Menschen aufzuzeigen und zu debattieren. In diesem Sinne versteht sich EKOL als kritisch-motivierender Begleiter von Menschen zur besseren Orientierung in der sich rasant verändernden Welt und unterstützt bei der Einordnung von Ängsten und der Erarbeitung von persönlichen-regionalen Perspektiven im Rahmen von gesellschaftlichen, europäischen und Weltentwicklungen.

Dafür bedarf es neuen Formen regionalen Lernens unter Aufnahme der größten Entwicklungen, die die Region und seine Menschen direkt und indirekt beeinflussen. Die bisherigen Dienstleistungen und Produkte sowie das regionale Kooperationsnetzwerk werden in Zukunft erweitert und den aktuellen Bedürfnissen der Zielgruppen angepasst. Mit der neuen Homepage und den erweiterten Öffnungszeiten ab 2017 verbessert die Einrichtung in Zukunft den Zugang zur EKOL, zu allen Produkten sowie Dienstleistungen und erhöht somit die Nutzerfreundlichkeit maßgeblich.